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Illinois Blues


Auf Einladung des Visit USA Committee Austria erkundete eine achtköpfige Reisebüro-Gruppe im September 2008 eine Woche lang den US-Bundesstaat Illinois. Auf dem Programm standen die Städte Rockford, Moline, Springfield und Chicago. Lesen Sie hier eine fiktive Kurzgeschichte über die Illinois Reise!

Chicago am Lake Michigan Chicago am Lake Michigan Chicago am Lake Michigan
  Illinois - We've got the Blues
 

Chicago und Lake MichiganChicago. Ich lehne an einem Billardtisch im hinteren Bereich des „Buddy Guy’s Legends“, 754 S. Wabash Avenue, und lasse Blues und Menschen auf mich wirken. Der gesamte Raum bewegt sich zum Rhythmus der Musik und verschmilzt mit ihr zu einer festen Einheit. Kaum vorstellbar, dass der Mensch vor dem Blues da war.Ich lasse meinen Blick schweifen und dann für einen Moment auf einem Gast weilen, der grade noch eher unscheinbar in der Gruppe seiner Freunde stand, nun jedoch nicht mehr anders kann, als sich zum Takt der Musik zu bewegen, zu wippen und zu tanzen beginnen. Seine Begeisterung erzählt eine eigene Geschichte. Der Besuch in diesem Club scheint nichts Alltägliches für ihn zu sein. Ist auch er nur Gast in dieser Stadt? Ich lasse meiner Phantasie freien Lauf...


Typisch amerikanisch, eben
Rockford, Japanese GardeIch stelle mir vor, er kommt aus Rockford. Spontan hat er am Nachmittag mit seinen Freunden beschlossen, den Samstagabend in Chicago zu verbringen, und seine Frau hat nachsichtig genickt. Nur selten fährt er in die rund 70 Meilen entfernte Metropole, immerhin hat Rockford selbst einiges zu bieten. Mit seiner Familie lebt er dort in einem der hübschen, typisch amerikanischen Häuschen, die das Stadtbild prägen. Er liebt die Natur in und rund um Rockford. Gerne besucht er am Wochenende mit seinen Kindern den Japanischen Garten und erklärt seinen Sprösslingen ein ums andere Mal, dass dieser zu den bedeutendsten seiner Art in den Vereinigten Staaten zählt. Abends sitzt er dann mit seinem besten Freund auf der Veranda, diskutiert mit ihm die Sportergebnisse und blickt zufrieden in seinen gepflegten Vorgarten. Am nächsten Tag werden sich die beiden auf einem der zahlreichen Golfplätze in der Umgebung wieder treffen... Seine Frau, deren schwedische Vorfahren vor mehr als einhundertfünfzig Jahren als Siedler nach Illinois kamen, arbeitet von Zeit zu Zeit als freiwillige Helferin im Midway Village Museum. Kostümiert als Bewohnerin des Rockfords des 19. Jahrhunderts, entführt sie die Museumsbesucher während eines Rundgangs durch das authentische Museumsdorf in die alte Zeit. Wenn es regnet, hält sie sich lieber im überdachten Teil des Museums auf, erzählt Geschichten über die Erfindungen der Einwohner Rockfords und geht darin auf, Fragen über die „Rockford Peaches“, das erste Damen-Baseballteam der Welt, zu beantworten. Wenn ihr Mann ihr eine Freude machen möchte, führt er sie in das Coronado Performing Arts Center aus. Schon als Teenager war sie von den
aufwändigen Verzierungen dieses historischen Theaters und den großen Broadwayshows beeindruckt...

Spaziergang am Mississippi
Moline, John Deere PavillionIn diesem Moment zieht ein anderer Gast, oder vielmehr sein T-Shirt, meine Aufmerksamkeit auf sich. Wer betritt mit einem grünen T-Shirt, auf dessen Vorderseite das Logo des weltweit führenden Agrarmaschinenherstellers John Deere prangt, am Samstagabend einen Bluesclub in Chicago? Für mich eine Frage, die nur eine Antwort zulässt: Sein Träger stammt aus Moline! Ohne dass ich ein einziges Wort mit dem Herren gewechselt hätte, schildert mir meine vorlaute Vorstellungskraft das Leben des Fremden im Westen des Bundesstaates: Die passende Frau hat er noch nicht gefunden. Aber das macht ihm nichts aus. Er geht gern allein am Ufer des Mississippi spazieren, um dabei still die traditionellen Schaufelraddampfer zu bewundern. Anschließend stattet er den Kollegen im John Deere Pavilion einen Besuch ab, begrüßt die zur Schau gestellten Traktoren in Gedanken wie alte Freunde und belohnt sich selbst mit einem Merchandise-Artikel aus dem angeschlossenen Gift Shop. Am liebsten hat er die Sommermonate, wenn zahlreiche Festivals stattfinden und Leben in das sonst eher ruhige Moline bringen. Mindestens einmal pro Woche besucht er Dieter, den Inhaber einer Bierstube im Zentrum des Städtchens. Er mag das Ambiente. Ja, genau so stellt er sich Europa vor. Seinen Appetit stillt er mit deutscher Hausmannskost (amerikanischer Art!), und macht sich ein Spiel daraus, aus der großen Auswahl europäischer Biere jenes zu bestellen, dessen Name ihm am unaussprechlichsten scheint.

Alles Lincoln
Springfield, Lincoln StatueApropos Bier – ich habe Durst! Während ich an der Bar auf mein Getränk warte, beobachte ich eine aufgeweckte Gruppe junger Frauen. Eine von ihnen trägt eine Art Schleier im Haar. Die vier feiern also Jungesellinnenabend. Aus ihrem Gespräch schnappe ich einzelne Wortfetzen auf. Mehr ist auch nicht nötig. Mein
vom Blues inspirierter Geist hat bereits das passende Datenblatt zu ihrer Identität ausgeworfen: Die Damen stammen aus Springfield, der Hauptstadt Illinois, und kennen einander seit der Highschool. Schon damals hieß ihr gemeinsamer Nenner Abraham Lincoln (neben den Simpsons), der wohl berühmteste Bewohner der Stadt. Zu Schulzeiten verliehen sie ihrer Begeisterung für diesen Mann mit regelmäßigen Besuchen seines Hauses, indem er vor seiner Zeit als

16. Präsident der Vereinigten Staaten mit seiner Frau Mary und den drei Kindern lebte, Ausdruck. Durch die Eröffnung des interaktiven Abraham Lincoln Presidential Library and Museum im Jahre 2005 hat sich der Schauplatz dieser Tradition jedoch hauptsächlich an diesen Ort verlegt. Sie freuen sich bereits auf 2009, wenn die ganze Stadt im Zeichen des 200sten Geburtstags Lincolns stehen wird.

Springfield, Bill Sheas Gas Station Mit dem Teenageralter erweiterte sich der Interessenkreis der Mädchen um die Legenden der durch Springfield verlaufenden Route 66. Ihre Freizeit verbrachten sie vermehrt in den Diners, die die „Mother Road“ auf ihrem Weg
durch Springfield zieren und bewunderten die chaotisch „sortierten“ Reliquien im Bill Shea’s Gas Station Museum. Häufig gesellte sich der alte Bill persönlich zu ihnen und beflügelte ihre Phantasie mit einer Geschichte aus den
guten alten Zeiten, die er stets geschickt mit einem Sammlerstück seines kleinen Privatmuseums zu verknüpfen wusste. Da sich Meile 0 der Route 66 lediglich ein paar Blocks nördlich des Budy Guy’s Legends Bluesclub in der heutigen Jackson Street befindet, nehme ich an, dass sie ihrem Verlauf von Springfield hierher gefolgt sind … Ich freue mich, wieder ein Rätsel gelöst zu haben und kehre zu

meiner Gruppe am Billardtisch zurück. Die Stimmung im Club hat ihren Höhepunkt erreicht: Einer der Musiker gibt ein Mundharmonika-Solo zum Besten. Im Schatten der Bühne entdecke ich einen Mann und frage mich, ob es sich hierbei um den Besitzer des Clubs, den großen Bluesmusiker Buddy Guy, handeln mag. Diese Frage lasse ich unbeantwortet.

Chicago durchs Taxifenster
ChicagoSpäter am Rückweg ins Hotel fällt mir auf, wie vertraut mir die Straßen Chicagos innerhalb der wenigen Stunden unseres Aufenthaltes geworden sind. Dort erkenne ich den Millennium Park und nehme mir vor, dieser
2004 eröffneten Grünanlage mit ihren fantastischen Kunstwerken bei meinem nächsten Besuch mehr Zeit zu widmen. Gerade vor mir blitzt die Spitze des John Hancock Centers zwischen den Gebäuden hervor. Die Erinnerung
an den Ausblick, der sich mir von dessen Observatory im 94. Stockwerk bot, lässt mich zufrieden lächeln. Verblüffend, dass selbst von dort oben kein Ende des Lake Michigan auszumachen ist. Fast möchte man meinen,
Chicago läge am Meer. Der Taxifahrer biegt links in den Wacker Drive ein. Inzwischen dominiert der Trump Tower die Stadtansicht zu unserer Rechten.

Ich mag dieses sich elegant gen Himmel streckende Gebäude, in dessen unteren Etagen ein Luxushotel untergebracht ist. Circa auf gleicher Höhe, dort am Chicago River, entdecke ich die Anlegestelle, von der die Sightseeing-Boote zur Architecture River Cruise starten. Hier hatte unsere Erkundungstour begonnen. Nicht alle Details, die uns der Guide zu den Wolkenkratzern entlang des Flussufers erklärt hat, sind mir in Erinnerung geblieben, aber für eine gute Orientierung reicht das Gelernte allemal. Dort der neugotische Tribune Tower, etwas weiter zur Linken das moderne Gebäude der United Airlines, in dessen Glasfront sich die Lichter der Stadt spiegeln. Vorn rechts der Merchandise Mart und links ums Eck das Boeing Headquarter und abschließend das höchste Wahrzeichen der Stadt, der gigantische Sears Tower. Alles klar, ich kenn mich aus. Die letzte gedankliche
Herausforderung des Tages besteht darin, wie sich all meine in den Chicago Premium Outlets erstandenen Güter in einem Koffer unterbringen lassen.

© JN Profi Reisen VerlagsGesmbh

 
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