Chicago. Ich lehne an einem Billardtisch
im hinteren Bereich des „Buddy Guy’s Legends“,
754 S. Wabash Avenue, und lasse
Blues und Menschen auf mich wirken. Der
gesamte Raum bewegt sich zum Rhythmus
der Musik und verschmilzt mit ihr zu einer
festen Einheit. Kaum vorstellbar, dass der
Mensch vor dem Blues da war.Ich lasse meinen Blick schweifen und dann
für einen Moment auf einem Gast weilen,
der grade noch eher unscheinbar in der
Gruppe seiner Freunde stand, nun jedoch
nicht mehr anders kann, als sich zum Takt der
Musik zu bewegen, zu wippen und zu tanzen
beginnen. Seine Begeisterung erzählt eine
eigene Geschichte. Der Besuch in diesem Club
scheint nichts Alltägliches für ihn zu sein. Ist
auch er nur Gast in dieser Stadt? Ich lasse
meiner Phantasie freien Lauf...
Typisch amerikanisch, eben
Ich stelle mir vor, er kommt aus Rockford. Spontan
hat er am Nachmittag mit seinen Freunden
beschlossen, den Samstagabend in Chicago zu
verbringen, und seine Frau hat nachsichtig genickt.
Nur selten fährt er in die rund 70 Meilen entfernte Metropole, immerhin hat Rockford
selbst einiges zu bieten. Mit seiner Familie lebt
er dort in einem der hübschen, typisch amerikanischen
Häuschen, die das Stadtbild prägen.
Er liebt die Natur in und rund um Rockford. Gerne besucht er am Wochenende mit
seinen Kindern den Japanischen Garten und
erklärt seinen Sprösslingen ein ums andere
Mal, dass dieser zu den bedeutendsten seiner
Art in den Vereinigten Staaten zählt. Abends
sitzt er dann mit seinem besten Freund auf der
Veranda, diskutiert mit ihm die Sportergebnisse
und blickt zufrieden in seinen gepflegten
Vorgarten. Am nächsten Tag werden sich die
beiden auf einem der zahlreichen Golfplätze
in der Umgebung wieder treffen... Seine
Frau, deren schwedische Vorfahren vor mehr
als einhundertfünfzig Jahren als Siedler nach
Illinois kamen, arbeitet von Zeit zu Zeit als freiwillige
Helferin im Midway Village Museum.
Kostümiert als Bewohnerin des Rockfords des
19. Jahrhunderts, entführt sie die Museumsbesucher
während eines Rundgangs durch das
authentische Museumsdorf in die alte Zeit.
Wenn es regnet, hält sie sich lieber im überdachten
Teil des Museums auf, erzählt Geschichten über die Erfindungen der Einwohner
Rockfords und geht darin auf, Fragen über die „Rockford Peaches“, das erste Damen-Baseballteam
der Welt, zu beantworten. Wenn ihr
Mann ihr eine Freude machen möchte, führt
er sie in das Coronado Performing Arts Center
aus. Schon als Teenager war sie von den
aufwändigen Verzierungen dieses historischen
Theaters und den großen Broadwayshows
beeindruckt...
Spaziergang am Mississippi
In diesem Moment zieht ein anderer
Gast, oder vielmehr sein
T-Shirt, meine Aufmerksamkeit
auf sich. Wer betritt mit einem
grünen T-Shirt, auf dessen Vorderseite
das Logo des weltweit
führenden Agrarmaschinenherstellers
John Deere prangt, am
Samstagabend einen Bluesclub
in Chicago? Für mich eine
Frage, die nur eine Antwort
zulässt: Sein Träger stammt
aus Moline! Ohne dass ich
ein einziges Wort mit dem Herren
gewechselt hätte, schildert
mir meine vorlaute Vorstellungskraft
das Leben des Fremden im
Westen des Bundesstaates: Die
passende Frau hat er noch nicht gefunden.
Aber das macht ihm nichts aus. Er geht gern
allein am Ufer des Mississippi spazieren, um
dabei still die traditionellen Schaufelraddampfer
zu bewundern. Anschließend stattet er den
Kollegen im John Deere Pavilion einen Besuch
ab, begrüßt die zur Schau gestellten Traktoren
in Gedanken wie alte Freunde und belohnt sich
selbst mit einem Merchandise-Artikel aus dem
angeschlossenen Gift Shop. Am liebsten hat er
die Sommermonate, wenn zahlreiche Festivals
stattfinden und Leben in das sonst eher ruhige
Moline bringen. Mindestens einmal pro Woche
besucht er Dieter, den Inhaber einer Bierstube
im Zentrum des Städtchens. Er mag das Ambiente.
Ja, genau so stellt er sich Europa vor.
Seinen Appetit stillt er mit deutscher Hausmannskost
(amerikanischer Art!), und macht
sich ein Spiel daraus, aus der großen Auswahl
europäischer Biere jenes zu bestellen, dessen
Name ihm am unaussprechlichsten scheint.
Alles Lincoln
Apropos Bier – ich habe Durst! Während ich
an der Bar auf mein Getränk warte, beobachte
ich eine aufgeweckte Gruppe junger Frauen.
Eine von ihnen trägt eine Art Schleier im Haar.
Die vier feiern also Jungesellinnenabend. Aus
ihrem Gespräch schnappe ich einzelne Wortfetzen
auf. Mehr ist auch nicht nötig. Mein
vom Blues inspirierter Geist hat bereits
das passende Datenblatt zu ihrer Identität
ausgeworfen: Die Damen stammen aus
Springfield, der Hauptstadt Illinois, und
kennen einander seit der Highschool.
Schon damals hieß ihr gemeinsamer
Nenner Abraham Lincoln (neben den
Simpsons), der wohl berühmteste
Bewohner der Stadt. Zu Schulzeiten
verliehen sie ihrer Begeisterung für
diesen Mann mit regelmäßigen
Besuchen seines Hauses, indem
er vor seiner Zeit als
16. Präsident
der Vereinigten Staaten
mit seiner Frau Mary und den drei
Kindern lebte, Ausdruck. Durch die
Eröffnung des interaktiven Abraham
Lincoln Presidential Library and Museum
im Jahre 2005 hat sich der
Schauplatz dieser Tradition jedoch
hauptsächlich an diesen Ort verlegt.
Sie freuen sich bereits auf 2009,
wenn die ganze Stadt im Zeichen des
200sten Geburtstags Lincolns stehen wird.
Mit dem Teenageralter erweiterte sich der Interessenkreis
der Mädchen um die Legenden
der durch Springfield verlaufenden Route 66.
Ihre Freizeit verbrachten sie vermehrt in den
Diners, die die „Mother Road“ auf ihrem Weg
durch Springfield zieren und bewunderten die
chaotisch „sortierten“ Reliquien im Bill Shea’s
Gas Station Museum. Häufig gesellte sich der
alte Bill persönlich zu ihnen und beflügelte
ihre Phantasie mit einer Geschichte aus den
guten alten Zeiten, die er stets geschickt mit
einem Sammlerstück seines kleinen Privatmuseums
zu verknüpfen wusste. Da sich Meile 0
der Route 66 lediglich ein paar Blocks nördlich
des Budy Guy’s Legends Bluesclub in der heutigen
Jackson Street befindet, nehme ich an,
dass sie ihrem Verlauf von Springfield hierher
gefolgt sind … Ich freue mich, wieder ein
Rätsel gelöst zu haben und kehre zu
meiner
Gruppe am Billardtisch zurück. Die Stimmung
im Club hat ihren Höhepunkt erreicht: Einer
der Musiker gibt ein Mundharmonika-Solo
zum Besten. Im Schatten der Bühne entdecke
ich einen Mann und frage
mich, ob es sich
hierbei um den Besitzer des Clubs, den großen
Bluesmusiker Buddy Guy, handeln mag. Diese
Frage lasse ich unbeantwortet.
Chicago durchs Taxifenster
Später am Rückweg ins Hotel fällt mir auf,
wie vertraut mir die Straßen Chicagos innerhalb
der wenigen Stunden unseres Aufenthaltes
geworden sind. Dort erkenne ich den
Millennium Park und nehme mir vor, dieser
2004 eröffneten Grünanlage mit ihren fantastischen
Kunstwerken bei meinem nächsten
Besuch mehr Zeit zu widmen. Gerade vor mir
blitzt die Spitze des John Hancock Centers
zwischen den Gebäuden hervor. Die Erinnerung
an den Ausblick, der sich mir von dessen
Observatory im 94. Stockwerk bot, lässt mich
zufrieden lächeln. Verblüffend, dass selbst
von dort oben kein Ende des Lake Michigan
auszumachen ist. Fast möchte man meinen,
Chicago läge am Meer. Der Taxifahrer biegt
links in den Wacker Drive ein. Inzwischen dominiert
der Trump Tower die Stadtansicht zu
unserer Rechten.
Ich mag dieses sich elegant
gen Himmel streckende Gebäude, in dessen
unteren Etagen ein Luxushotel untergebracht
ist. Circa auf gleicher Höhe, dort am Chicago
River, entdecke ich die Anlegestelle, von der
die Sightseeing-Boote zur Architecture River
Cruise starten. Hier hatte unsere Erkundungstour
begonnen. Nicht alle Details, die uns der
Guide zu den Wolkenkratzern entlang des
Flussufers erklärt hat, sind mir in Erinnerung
geblieben, aber für eine gute Orientierung
reicht das Gelernte allemal. Dort der neugotische
Tribune Tower, etwas weiter zur Linken
das moderne Gebäude der United Airlines,
in dessen Glasfront sich die Lichter der Stadt
spiegeln. Vorn rechts der Merchandise Mart
und links ums Eck das Boeing Headquarter
und abschließend das höchste Wahrzeichen
der Stadt, der gigantische Sears Tower. Alles
klar, ich kenn mich aus. Die letzte gedankliche
Herausforderung des Tages besteht darin,
wie sich all meine in den Chicago Premium
Outlets erstandenen Güter in einem Koffer
unterbringen lassen.
© JN Profi Reisen VerlagsGesmbh